Pølsetysker – das dänische Schimpfwort für Deutsche

Wer kann mir erklären, warum die Dänen ein Schimpfwort für die Deutschen haben – pølsetysker -, die Deutschen aber kein Schimpfwort für die Dänen?

Es ist schon seltsam, denn entgegen meiner Erwartungen, damals als ich nach Dänemark ging, sind die Dänen nicht viel anders als die Deutschen. Und interessanterweise ist diese „Nicht-Verschiedenheit“ weder den Deutschen, noch den Dänen bewusst. Doch sicher, es gibt Unterschiede in der Mentalität, sogar noch zwischen Norddeutschen und Dänen. Diese sind aber so gering, dass sie eigentlich nur jemand erkennen kann, der beide Kulturen und Sprachen gut genug kennt.

Den Begriff pølsetysker – „Wurst-Deutscher“ oder „Würstchendeutscher“ – gibt es schon lange, er ist seit spätestens 1905 belegt und war schon immer negativ besetzt, mit dem Hinweis „herablassend“ steht er seitdem auch in allen Wörterbüchern. Er bezeichnete zunächst die deutschen Touristen, die ihr eigenes Essen aus Deutschland mitbrachten. Gemeint war mit diesem Schimpfwort wohl aber immer die Einstellung der Deutschen, auch ihre Lebensart und ihre Einstellung mitzubringen und diese ignorant, arrogant und selbstgefällig auch vom Gastland zu erwarten. Der geneigte deutsche Leser wird diesem Gedankengang womöglich soweit folgen können.

Die Deutschen haben allgemein eine hohe Meinung von den Dänen, sie seien „ja immer sooo nett und freundlich“. Da fällt mir sogleich die Erzählung meiner Mutter darüber ein, wie perplex sie war, als sie nach Deutschland kam und feststellen musste, dass es in Deutschland dieselben Arschlöcher wie in Dänemark gibt. Denn in ihren Augen waren die Deutschen, die in Dänemark Urlaub machten, ja auch alle immer so nett. Als ich dagegen 2007 nach Dänemark ging, begriff ich plötzlich, was sie meinte, bloß mit umgekehrten Vorzeichen: Es gibt ja hier in Dänemark genau dieselben Arschlöcher, noch nicht einmal weniger als in Deutschland! Das hatte ich vorher nie bemerkt, da ich vorher immer nur zu Besuch war. Deutsche im Urlaub bemerken das natürlich auch nicht, weil es in Dänemark der Standard ist, dem Anderen gegenüber zunächst freundlich zu sein. Und lange genug wird man als Tourist dann auch nicht bleiben und man wird kaum dahinterkommen, dass die Dänen sehr viel mehr als die Deutschen durch die Blume reden.

Während Deutsche also stets eine hohe Meinung von den Dänen haben, ist die Meinung der Dänen über die Deutschen eher zwiespältig. Es gibt schon die Einen, die den Deutschen gegenüber sehr positiv gesinnt sind. Andere wiederum finden ihre Abneigung den Deutschen gegenüber geradezu schick.

Auch wenn man es mir nie glauben will, aber jemand, der als Deutscher eingeordnet wird, wird vielleicht nicht jeden Tag, aber doch regelmäßigen Abständen das Wort pølsetysker hinterm Rücken zu hören bekommen. In den Fällen, in denen es einem ins Gesicht gesagt wird und man dies daraufhin nicht besonders lustig findet, wird immer beteuert, man habe es doch nur scherzhaft gemeint. Aber wie es mit Schimpfwörtern halt so ist, es kommt nicht daurauf an, wie sie gemeint sind, sondern wie sie beim Betreffenden ankommen. Natürlich können Dänen das nicht aus eigener Erfahrung wissen, schließlich gibt es in keiner mir bekannten Sprache ein Schimpfwort für sie.

Frys ud

Vielleicht ist man einem Deutschen gegenüber zunächst auch nett und freundlich. Das war’s dann aber auch, man dreht sich wieder weg. Schlimmstenfalls wird mit einem das gemacht, was die Dänen als „at fryse nogen ud“ bezeichen: jemanden „rausfrieren“ lassen, also weiterhin zu ignorieren, bis dieser irgendwann von selbst weg ist.

Da fällt mir als Extrembeispiel immer eine Situation auf dem Roskilde Festival ein. In meiner ersten Zeit in Dänemark meldete ich mich dort als Freiwilliger, eben um mich etwas zu engagieren. Auf meiner ersten von drei Schichten hatte ich vier Kollegen, ein Liebespärchen, das die ganze Zeit mit sich selbst beschäftigt war, okay, und zwei andere Jungs, mit denen ich mich noch die ersten zwei Stunden unterhielt. Bis die Frage kam, wer denn meine Freunde seien und wo unser Zelt stehe. Als ich antwortete, ich sei alleine auf das Festival gekommen um mich einzubringen, ich sei ja neu Dänemark, wurde ich schief angeguckt und gefragt: „Was, du hast hier keine Freunde?“ – die restlichen sechs Stunden der Schicht wurde nicht mehr mit mir geredet.

Gæstfrihed

So musste ich nach und nach zu meiner schweren Enttäuschung feststellen, dass der Begriff „Gastfreundschaft“ in Dänemark für die Meisten ein Fremdwort ist. Gastfreundschaft bedeutet nämlich mehr, als heute mal dem Gast gegenüber freundlich zu sein. Aber ein Hr. Sørensen oder ein Hans Jensen hat seine Freunde zumeist bereits seit dem Kindergarten oder der Schule, neue Leute müssen sich dann schon was wirklich Außergewöhnliches ausdenken. Und als Deutscher ist man da eben nicht interessant oder besonders genug, was für die meisten anderen Nationalitäten genauso gilt, wie ich in unzähligen Gesprächen mit anderen Einwanderern feststellen konnte. Letztendlich kommt man in Dänemark nur über Freunde in Gesellschaft. Beispielsweise wäre es völlig undenkbar, einfach eine Dame im Park anzusprechen. Ihre erste Frage wäre wahrscheinlich, woher man sich denn kenne und ob man überhaupt gemeinsame Freunde habe. Danach wäre dann auch schon alles gesagt.

Es ist in Dänemark einfach so: Wir werden dich nur vollständig akzeptieren, wenn du so aussiehst wie wir und akzentfrei Dänisch sprichst. Diese Einstellung haben die meisten Dänen, auch wenn sich fast niemand dessen wirklich bewusst ist, egal für wie tolerant man sich hält. Nach zehn Jahren in Dänemark sah es so aus, dass alle meine Freunde dort Migrationshintergrund hatten. Ich finde das für mich nicht weiter schlimm, es wirft aber schon ein bestimmtes Licht auf die Dänen.

Toleranz

Die allgemeine Überzeugung in Dänemark ist, man sei ein außerordentlich tolerantes Volk und sei ja so offen anderen gegenüber. Meine Erfahrung ist aber die, dass es, wie oben schon geschildert, mit der Offenheit nicht weit her ist. Und Toleranz wird in Dänemark meist fahrlässig mit Gleichgültigkeit verwechselt. Toleranz minus Respekt (nicht zu verwechseln mit Höflichkeit) ergibt Gleichgültigkeit. Man ist im besten Falle gleichgültig den Neuen gegenüber, meist wird aber gerade von Migranten die vollständige Assimilation erwartet, auch wenn man es schönfärberisch Integration nennt.

Wobei es einem dabei nicht einmal leicht gemacht wird. Kaum spricht man mit einem noch so leichtem Akzent, wird oft sofort ins Englische gewechselt. Wie soll man das verstehen? „Du kannst nicht gut genug Dänisch“ oder „Lass es, du wirst eh nie dazugehören“? Kann sein, dass es eigentlich nur gut gemeint ist, aber wird so das Dänischlernen oder die Integration auch nur ansatzweise erleichtert? Du musst aber, wie gesagt, akzentfrei Dänisch sprechen, um wirklich zu uns zu gehören! Und überhaupt, so der Tenor, die ganzen Einwanderer wollen sich ja gar nicht integrieren, sondern nur abkassieren! Abgesehen davon sind uns die Migranten aber egal.

Das fortschrittlichste und aufgeklärteste Land der Welt

Das selbstzufriedene Bild Dänemarks von sich selbst ist das des aufgeklärtesten, fortschrittlichsten und tolerantesten Landes der Welt, natürlich zusammen mit den anderen nordischen Ländern. Da müssen alle Anderen überhaupt erst noch hinkommen, auch die Deutschen. Viele Deutsche, die lange in Dänemark leben, kennen es: In Diskussionen über das eine oder das andere Thema kommt es immer mal wieder vor, dass einem lächelnd und gütig-nachsichtig zu verstehen gegeben wird, man habe dies oder jenes als Deutscher „wohl einfach noch nicht verstanden“.

Zum Beispiel diskutierten wir einmal über Neonazis und ich meinte, solche Gruppierungen müssten in Dänemark endlich verboten werden, weil sie, genauso wie radikale Islamisten, gemeingefährlich sind und es völlig unmöglich ist, mit ihnen zu diskutieren und einen Konsens zu finden. Nein, entgegnete man mir, man müsse tolerant sein, Allen eine Gesprächsplattform bieten und sie im Übrigen einfach ignorieren. Das sei etwas, was ich als Deutscher noch nicht richtig verstanden hätte. Mein Hinweis auf den NSU als Beispiel verhallte natürlich ungehört – der Deutsche hat eben einfach noch keine Ahnung davon, wie man’s richtig macht.

Wo wir dann wieder bei dem Deutschenbild des pølsetysker wären. Da wäre das Stereotyp des ignoranten, arroganten und selbstgefälligen Deutschen – lassen sich diese Attribute gar bei den Dänen wiederfinden? Die Deutschen als „Würstchen“ zu beschimpfen scheint vielleicht ganz niedlich, und hier kommt die Retourkutsche: In diesen Eigenschaften unterscheiden sich Deutsche und Dänen nämlich überhaupt nicht, nur verkaufen die Dänen dasselbe mit einem Lächeln im Gesicht. Ein dänischer Hotdog ist letztendlich auch nur ein Würstchen, nur mit einigen weiteren Zutaten farbenfroh ausgeschmückt. Weshalb ich angefangen habe, die Dänen liebevoll als „hotdog-danskere“ zu beschimpfen.

Es war zwar immer unter meinem Niveau, in irgendwelchen Situationen meinen dänischen Pass zu zücken. An dieser Stelle muss das aber sein: Ich darf die Dänen so nennen, bin selber einer. Leider muss ich mich so rechtfertigen, denn dass jemand mit Akzent und noch dazu mit nicht-dänischem Nachnamen auch ein Däne (in meinem Falle: Auslandsdäne) sein könnte, liegt bei den meisten Dänen außerhalb jedweder Vorstellungskraft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.