Flanierquartier Ottensen – Cornern ohne Ende

Nun ist es soweit – Die Innenstadt von Ottensen ist teilweise autofrei. Das Flanierquartier soll nur für eine halbjährliche Testphase eingerichtet werden. Aber es muss doch jedem klar sein, dass die Testphase nur vorgeschoben ist und es so bleiben wird. Wer wird denn schon was dagegen haben, wenn der Autoverkehr zugunsten der Fußgänger zurückgedrängt wird und die Anwohner mehr Platz bekommen.

Aber um die Anwohner geht es doch nicht, die wurden ja auch überhaupt nicht gefragt oder ernsthaft in irgendwelche Planungen einbezogen.

Nein, es geht wie immer ums Geschäft. Ottensen soll noch attraktiver zum Einkaufen und Ausgehen werden, damit die Kasse stimmt. Die paar Apotheken, die nun schlechter beliefert werden können, werden sich eh nicht lange halten – Edelboutiquen, schicke Cafés und hippe Kneipen für Hipster, Yuppies und Bobos passen da doch viel besser rein! Da liegt doch der Umsatz und die Mieten können dank der zusätzlichen Lageaufwertung weiter angezogen werden. Ganz toll, was für eine Chance für Ottensen!

Es ist auch ohne irgendwelche Gutachten absehbar, dass Ottensen zum Einkaufzentrum und zur Partymeile mit Wohnanschluss für Gutsituierte werden soll. Günstigerweise liegt die Testphase im Winter, so dass wir die Auswirkungen der Autofreiheit nicht so krass bemerken werden. Ich verspreche euch aber, sobald Ottensen im Frühling endgültig als Flanierquartier firmiert, wird vom Bahnhof Altona bis zum Alma-Wartenberg-Platz durchgefeiert und –gecornert. Darauf können sich die Anwohner richtig freuen. Ruhiger wird es jedenfalls bestimmt nicht.

Bobos: Grüne Yuppies

Aufkleber: Grüner Yuppie HAU AB - Bobo GO HOME

Dieses von den alten Spontis inspirierte Bild eignet sich hervorragend, um in Ottensen, als Aufkleber gedruckt, sowohl ortsfremden Hipstern als auch grünen Yuppies oder spießigen Bobos die ihnen von den Eingeborenen entgegengebrachte Abneigung vor Augen zu führen.
Creative Commons LizenzvertragDas Bild ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Autor: chr_rasmussen (08/2019)

Um es klarzustellen: Gegen Grüne habe ich nichts, auch wenn ich sie nicht wählen würde. Yuppies sind mir da zwar weniger sympatisch, aber wenn sie ihren Lebensstil in Eppendorf oder Blankenese ausleben, dann sind sie mir auch egal. Und wenigstens stehen sie zu dem, was sie sind.

Dieser Aufkleber soll aber jene ansprechen, für die der rote Stern oder Che Guevaras Konterfei nichts weiter als Modeaccessoires sind. Leute, die glauben, mittendrin zu leben und besonders tolerant zu sein, weil sie ja den türkischen Gemüsehändler einmal die Woche nett grüßen – wobei das in Ottensen ja eigentlich nicht mehr geht, die meisten Gemüsehändler mit Migrationshintergrund sind ja inzwischen schon weggentrifiziert worden.

Gemeint sind die Konsumfanatiker, die sich ausdrücklich alternativ und öko geben, damit aber nur ihren Konformismus vor sich selbst verstecken, ihre Spießigkeit kaschieren und dazu glauben, sich mit ihrem Geld Teilhabe kaufen zu können. Diese Leute verdrängen das angestammte Millieu aus Ottensen, welches den Stadtteil doch „so schön bunt“ gemacht hatte. Nach dem Bau des Mercados (Quarree!), den Luxussanierungen und der einsetzenden Gentrifizierung verwandelt sich Ottensen zunehmend zu einem Grau-in-Grau von Ökosupermärkten, hippen Cafés und Edelboutiquen – für diejenigen, die das nötige Kleingeld haben.

Diese Leute sollen ruhig wissen, dass wir angestammten Bewohner sie nicht so toll finden, wie sie sich offenbar selbst. Uns interessiert deren grünlakierter, konsumorientierter „Lifestyle“ nicht die Bohne. Sollen sie doch in Eppendorf ein paar Häuser besetzen und dort eine Hipster-Kommune gründen, anstatt die Gemeinschaften anderer kaputt zu konsumieren. Leider werden die meisten von denen sich gar nicht erst angesprochen fühlen.

Zum Thema „grüne Yuppies“ und „Bobos“ empfehle ich diesen Artikel aus der taz: „Die Revolte als Pose“ sowie den Text „Willkommen in Bobocity – Wie ‚Bobos‘ auf der Suche nach Ursprünglichkeit und Authenzität diese unweigerlich zerstören“.