Ottensen ist ja so schön bunt

„Ach, Ottensen ist ja so schön bunt!“ Ich habe keine Ahnung wovon ihr redet. Das was ihr meint, gab es vielleicht vor 30 Jahren. Aber das kennt ihr ja gar nicht. Heute ist Ottensen eine gentrifizierte 08/15-Ansammlung von hippen Bars, coolen Cafés, ein einziger Einheitsbrei von Öko-Supermärkten und Edelboutiquen mit grünem Anstrich. Die Werbefirmen und Startups haben Ottensen echt voll nach vorne gebracht. Und seitdem ihr eine Eigentumswohnung hier habt, gehört ihr voll dazu, Mann!

Ich weiß, dass euch die Architektur und das Straßenbild euch an Monmartre erinnert. Aber kennt ihr eigentlich die Menschen, die schon immer hier gelebt haben überhaupt? Vor lauter savoir vivre interessieren sie euch auch überhaupt nicht. Schließlich war es früher, als euer Makler euch die Wohnung gezeigt hat (vor 5 Jahren), ja auch schon so wie jetzt.

„Ach, Ottensen ist ja so interkulturell!“ OK, einmal bitte in die Statistik schauen. Man staune: Der Ausländeranteil in Ottensen ist im Hamburger Vergleich weit unterdurchschnittlich, was nicht immer so war (ich denke da natürlich an die Vor-Mercado-Zeit in den 80ern). Aber ihr habt es tatsächlich geschafft, die Ausländer zu verdrängen. Bravo!

„Ottensen ist ein echtes Klein-Istanbul!“ Häh? Wo siehst du hier bitte einen Türken? Wieviele türkische Nachbarn hast du? Ach ja, die Döner-Läden! Und bitte dreimal raten, wieviele türkische Gemüsehändler es in Ottensen noch gibt (*Antwort siehe unten). Geh mal lieber auf die Veddel oder nach Wilhelmsburg, falls du dich traust und es überhaupt deinem Niveau entspricht.

Ich prophezeie dir, dass es dir irgendwann zu laut in Ottensen wird und du dann doch schön in die Elbvororte oder nach Eppendorf ziehst. Die Ur-Ottenser wohnen aber schon längst in den Plattenbauten am Osdorfer Born oder am Lüdersring und dürfen netterweise noch in ihrer Heimat Ottensen spazieren gehen. Gut gemacht, vielen Dank.

*Antwort: 2. Auch nur mit dem Glück, einen guten Mietvertrag von früher zu haben. Du kannst gerne mal die Corner-Kioske für mich zählen und als Kommentar posten.

Bobos: Grüne Yuppies

Aufkleber: Grüner Yuppie HAU AB - Bobo GO HOME

Dieses von den alten Spontis inspirierte Bild eignet sich hervorragend, um in Ottensen, als Aufkleber gedruckt, sowohl ortsfremden Hipstern als auch grünen Yuppies oder spießigen Bobos die ihnen von den Eingeborenen entgegengebrachte Abneigung vor Augen zu führen.
Creative Commons LizenzvertragDas Bild ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Autor: chr_rasmussen (08/2019)

Um es klarzustellen: Gegen Grüne habe ich nichts, auch wenn ich sie nicht wählen würde. Yuppies sind mir da zwar weniger sympatisch, aber wenn sie ihren Lebensstil in Eppendorf oder Blankenese ausleben, dann sind sie mir auch egal. Und wenigstens stehen sie zu dem, was sie sind.

Dieser Aufkleber soll aber jene ansprechen, für die der rote Stern oder Che Guevaras Konterfei nichts weiter als Modeaccessoires sind. Leute, die glauben, mittendrin zu leben und besonders tolerant zu sein, weil sie ja den türkischen Gemüsehändler einmal die Woche nett grüßen – wobei das in Ottensen ja eigentlich nicht mehr geht, die meisten Gemüsehändler mit Migrationshintergrund sind ja inzwischen schon weggentrifiziert worden.

Gemeint sind die Konsumfanatiker, die sich ausdrücklich alternativ und öko geben, damit aber nur ihren Konformismus vor sich selbst verstecken, ihre Spießigkeit kaschieren und dazu glauben, sich mit ihrem Geld Teilhabe kaufen zu können. Diese Leute verdrängen das angestammte Millieu aus Ottensen, welches den Stadtteil doch „so schön bunt“ gemacht hatte. Nach dem Bau des Mercados (Quarree!), den Luxussanierungen und der einsetzenden Gentrifizierung verwandelt sich Ottensen zunehmend zu einem Grau-in-Grau von Ökosupermärkten, hippen Cafés und Edelboutiquen – für diejenigen, die das nötige Kleingeld haben.

Diese Leute sollen ruhig wissen, dass wir angestammten Bewohner sie nicht so toll finden, wie sie sich offenbar selbst. Uns interessiert deren grünlakierter, konsumorientierter „Lifestyle“ nicht die Bohne. Sollen sie doch in Eppendorf ein paar Häuser besetzen und dort eine Hipster-Kommune gründen, anstatt die Gemeinschaften anderer kaputt zu konsumieren. Leider werden die meisten von denen sich gar nicht erst angesprochen fühlen.

Zum Thema „grüne Yuppies“ und „Bobos“ empfehle ich diesen Artikel aus der taz: „Die Revolte als Pose“ sowie den Text „Willkommen in Bobocity – Wie ‚Bobos‘ auf der Suche nach Ursprünglichkeit und Authenzität diese unweigerlich zerstören“.